LEBEN
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Portrait des Toggenburger Instrumentenbauers Ulrich Ammann (1766-1842)
von Stefan Gubler «Es grenzt an das Unglaubliche, wenn wir vernehmen, durch welche Schwierigkeiten und Hindernisse er sich durchkämpfen musste, bis er der geschickte und erfindungsreiche Instrumentenmacher wurde, dessen Name weit über die Grenzen unseres Vaterlandes hinausreichte.»
Ulrich Ammann wird am 13. Februar 1766 in Unterwasser (heute Gemeinde Wildhaus-Alt St. Johann) im Haltweg in eine einfache Bauernfamilie geboren. Später macht er der Gemeinde seine dürftige Schulbildung zum Vorwurf und meint, «dass er in den zwei kaum vollständigen Halbjahrschulkursen nur wenig habe lernen können!»
Ame‘s Ueli (wie der Name in der Gegend gesprochen wird) zeigt bereits im Kindesalter grosses Interesse für die Musik und die Instrumente. Er schnitzt einfache Flöten und verkauft sie unter den Schulkollegen. Als Zehnjähriger beobachtet Ueli einen Fiedler und baut sich anschliessend selbst eine Geige. Danach unternimmt Ueli die grössten Anstrengungen, um dem Instrument einen gelben Glanz zu verleihen; zuerst mit dem Saft verschiedener gelber Blumen, dann mit Mutters kostbarem Safran. «Aber zu seinem grössten Bedauern wollte auch diese Farbe die erhoffte Wirkung nicht hervorbringen.» Nun lässt er sich vom Dorfarzt verschiedene Rezepte von Firnissen erklären, beschafft auf dem Lichtensteiger Markt die nötigen Inhaltsstoffe und experimentiert damit während Monaten, bis er schliesslich das gewünschten Resultat zustande bringt.
«Weil er aber nach der Eltern Willen für die Haus– und Alpwirtschaft bestimmt war, so konnte er nur die Abende und die wenigen Nebenstunden, die ihm gestattet wurden, auf seine Lieblingsbeschäftigung verwenden und musste nebenbei seine Talente an der Verfertigung und Ausbesserung hölzerner Uhren, Spinnräder, Hobel, Schaufeln, Rechen und anderem niederen Schnitzwerk verschwenden.»
Als Ueli zum ersten Mal den Klang einer Hausorgel in seiner Nachbarschaft vernimmt, wird dies zum wegweisenden Erlebnis. Im Alter von 14 Jahren ist er fest entschlossen, Orgelbauer zu werden, obwohl ihn seine Eltern mit allen Mitteln davon abzuhalten versuchen. Nach dem Besuch des Orgelbauers Melchior Grob in Hemberg geht Ueli enttäuscht nach Hause.
Während vierjähriger Arbeit erbaut der junge Ulrich Ammann eine Orgel nach dem Vorbild der Toggenburger Hausorgeln. Ammann erledigt alles in Eigenarbeit, bis hin zur Fertigung der Zinnpfeifen. Als Werkbank dient eine ausgehängte Stalltür. Die bis heute erhaltene Orgel mit 7teiligem Prospekt, vier Registern (ursprünglich 4½ Register) und einem Tonumfang von 4 Oktaven besitzt folgende Disposition: Prinzipal 2‘ (Prospekt), Oktav 1‘, Flöte 4‘, Koppel 8‘. «Weil er aber nach der Eltern Willen für die Haus– und Alpwirtschaft bestimmt war, so konnte er nur die Abende und die wenigen Nebenstunden, die ihm gestattet wurden, auf seine Lieblingsbeschäftigung verwenden und musste nebenbei seine Talente an der Verfertigung und Ausbesserung hölzerner Uhren, Spinnräder, Hobel, Schaufeln, Rechen und anderem niederen Schnitzwerk verschwenden.»
Ulrich Ammann erlangt durch den Bau dieser Orgel innert Kürze eine Bekanntheit weit über das Toggenburg hinaus. Unter anderem weckt er das Interesse einiger Klostergeistlichen aus Neu St. Johann, welche Ueli bald zur Reparatur eines Fagotts ins Kloster rufen. Im Austausch mit Musikliebhabern und durch Studium verfügbarer Schriften im Kloster erwirbt sich Ulrich Ammann weitere Kenntnisse über den Instrumentenbau.
In der folgenden Zeit baut Ulrich Ammann verschiedene weitere Blasinstrumente wie Klarinetten, Fagotte und Querflöten. Er befasst sich eingehend mit der Entwicklung der Tasteninstrumente und experimentiert mit den Möglichkeiten der Tonerzeugung mittels schwingender Glaskörper. Weitere Bau- und Erfindertätigkeit: 1792 Klarinette mit auswechselbaren Mittelstücken (B, H und C)
Am bekanntesten wird Ulrich Ammann durch seine kunstvoll geschnitzten Spazierstockinstrumente, deren Entstehung wohl kurz vor der Zeit der Französischen Revolution beginnt. Beim Durchmarsch der Franzosen 1798 besuchen napoleonische Offiziere den Künstler in seiner Alphütte. Auf diese Weise gelangen die klingenden Spazierstöcke und mit ihnen der Name des Erbauers in die benachbarten Länder und zum Teil bis nach Amerika. «Bei der englischen Einnahme von Malta wanderte auch ein solcher Spazierstock an der Hand eines englischen Offiziers mit auf diese Insel. Einer seiner Landsleute richtete sein Augenmerk darauf und wünschte ihn zu kaufen, weil ihm diese neue Erfindung ungemein wohl gefiel… Unvermerkt lehnte sich der Besitzer etwas derb auf seinen Knotenstock, als plötzlich neben der Zwinge eine Wasserspritze sich erhob, die sich wie eine Gartenfontaine ausnahm und dem Engländer mit neuer Lust erfüllte, den künstlichen Stock zu kaufen. Danach der Besitzer den Knopf oben am Stock abschraubte, jenem ein schönes Handperspektiv zeigte und in einem runden kleinen Behälter einen ganzen Apparat zum Tabakrauchen auslegte, so besann sich nun der Engländer nicht länger, die verlangten 16 Louis d’Or mit Freuden auszuzahlen.»
Ammanns Blasinstrumente zeichnen sich durch eine sehr eigensinnige Formgebung aus. An seinen Stockinstrumenten imitiert der Künstler Astformen, die dem natürlichen Buchsbaum verblüffend ähnlich sind: Ästchen, Knorpel und Harzlöcher. Dellen dienen gleichzeitig als Daumenstützen und begünstigen damit die angenehme Haltung des Instruments. Damit gelingt es Ammann, Ästhetik mit Funktionalität zu vereinen.
Gegen den Willen seiner Mutter reist Ammann im Herbst 1805 nach Deutschland und besucht während 3 Jahren als Gasthörer Vorlesungen in Mathematik und Physik am St. Anna Gymnasium in Augsburg. Neben seinen Studien arbeitet Ammann in seinem Atelier im nahen Göggingen. Nach Ammanns Rückkehr in seine Heimat folgen: 1810 Verbesserung des Querpianoforte
1830 wird Ulrich Ammann in den Verfassungsrat des Kantons St. Gallen gewählt. Während der Zeit in Krummenau nimmt er sich auch dem Sohn seines Hausbesitzers, Johann Jakob Klauser-Mettler an. Dieser erbt später Ammanns gesamten Nachlass, der noch von seinen Kindern gehütet wird. Nach dem Verkauf des Hauses 1863 wird der schriftliche Nachlass teilweise verbrannt und viele der Instrumente werden veräussert. «In seinem Alter glaubte Ammann zwei Dinge aus seinem Leben bedauern zu wollen, nämlich dass er in seiner Jugend nicht einen bessern Schulunterricht habe geniessen können und dass er im Jünglings- und frühern Mannesalter über dem Pfeifenmachen das Heirathen vergessen habe.»
Ulrich Ammann vermacht testamentarisch 900 Gulden für den Bau eines neuen Schulhauses in Unterwasser sowie 100 Gulden als Unterstützungsleistung für die Realschule Nesslau, welche 1859 eröffnet wird. «Ammanns musikalische Instrumente waren keine nachgemachten fabrikmässigen Gebilde, es waren Kinder der Begeisterung für die Tonkunst, in ihm gezeugt und geboren, Originalwerke nach Geist, Seele und Leib. Diese Begeisterung war es, welche sein vielseitiges schöpferisches Kunsttalent gerade auf die Production von Werkzeugen der Tonkunst heftete, sie hierfür belebte, erregte und immerdar befruchtete.»
Verwendete Quellen: Franz, Johann Friedrich: Ulrich Ammann, in: Interessante Züge aus dem Jugendleben berühmter Künstler, Gelehrten, Kraftgenies und anderer merkwürdiger Personen. Aarau 1827. Franz, Johann Friedrich: Biografische Skizze von Ulrich Ammann (Manuskript). 1850 Franz, Johann Friedrich: Lebensgeschichte eines interessanten Mannes. Ulrich Ammann von Alt St. Johann, Widmer, Otmar: Ulrich Ammann. Ein Toggenburger Musikinstrumentenmacher von Alt St. Johann, 1766– 1842,
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