LEBEN

 

Der Bauernbub
Bau einer Orgel als 14-Jähriger
Förderung durch Jakob Straub
Der erfinderische Kopf
Meister der Spazierstockinstrumente
Studium in Augsburg
Politik und letzte Lebensjahre

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Portrait des Toggenburger Instrumentenbauers Ulrich Ammann (1766-1842)
Kurzbiographie und Würdigung

 

von Stefan Gubler
«Zitierte Textstellen» stammen - wo nicht anders bezeichnet - aus den Publikationen von Pfarrer Johann Friedrich Franz.

«Es grenzt an das Unglaubliche, wenn wir vernehmen, durch welche Schwierigkeiten und Hindernisse er sich durchkämpfen musste, bis er der geschickte und erfindungsreiche Instrumentenmacher wurde, dessen Name weit über die Grenzen unseres Vaterlandes hinausreichte.»

 


Der Bauernbub

Ulrich Ammann wird am 13. Februar 1766 in Unterwasser (heute Gemeinde Wildhaus-Alt St. Johann) im Haltweg in eine einfache Bauernfamilie geboren. Später macht er der Gemeinde seine dürftige Schulbildung zum Vorwurf und meint, «dass er in den zwei kaum vollständigen Halbjahrschulkursen nur wenig habe lernen können!»

Bild 1: Portrait des jugendlichen Ueli (Kupferstich, Herkunft unbekannt)

 

Ame‘s Ueli (wie der Name in der Gegend gesprochen wird) zeigt bereits im Kindesalter grosses Interesse für die Musik und die Instrumente. Er schnitzt einfache Flöten und verkauft sie unter den Schulkollegen. Als Zehnjähriger beobachtet Ueli einen Fiedler und baut sich anschliessend selbst eine Geige.

Danach unternimmt Ueli die grössten Anstrengungen, um dem Instrument einen gelben Glanz zu verleihen; zuerst mit dem Saft verschiedener gelber Blumen, dann mit Mutters kostbarem Safran.

«Aber zu seinem grössten Bedauern wollte auch diese Farbe die erhoffte Wirkung nicht hervorbringen.» Nun lässt er sich vom Dorfarzt verschiedene Rezepte von Firnissen erklären, beschafft auf dem Lichtensteiger Markt die nötigen Inhaltsstoffe und experimentiert damit während Monaten, bis er schliesslich das gewünschten Resultat zustande bringt.

 


Bild 2: Geburts- und Wohnhaus von Ulrich Ammann im Haltweg, Unterwasser
(Gouache in Privatbesitz, signiert „J. C. S. 1814“)

 

«Weil er aber nach der Eltern Willen für die Haus– und Alpwirtschaft be­stimmt war, so konnte er nur die Abende und die wenigen Nebenstunden, die ihm gestattet wurden, auf seine Lieblingsbeschäftigung verwenden und musste nebenbei seine Talente an der Verfertigung und Ausbesserung hölzerner Uhren, Spinnräder, Hobel, Schaufeln, Rechen und anderem niederen Schnitzwerk verschwenden.»

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Bau einer Orgel als 14-Jähriger

Als Ueli zum ersten Mal den Klang einer Hausorgel in seiner Nachbarschaft vernimmt, wird dies zum wegweisenden Erlebnis. Im Alter von 14 Jahren ist er fest entschlossen, Orgelbauer zu werden, obwohl ihn seine Eltern mit allen Mitteln davon abzuhalten versuchen. Nach dem Besuch des Orgelbauers Melchior Grob in Hemberg geht Ueli enttäuscht nach Hause.

«Mit Tränen bezeichnete er den Weg zur Heimat und wollte sich kaum trö­sten lassen, weil er meinte, das Glück seines Lebens sei nun für immer gescheitert. Endlich äusserte er: „Dem Orgelbauer z’ leid (zum Trotz) will ich selbst eine Orgel verfertigen.“ Er sagte dies in einem Tone, der die Fe­stigkeit seines Entschlusses nur zu deutlich verriet. Der Vater hielt dies zwar nur für die unüberlegte Rede eines aufgebrachten Knaben und meinte, die Lust werde seinem Uli nach und nach schon wieder vergehen, wenn er auf die unübersteiglichen Hindernisse und vielen Schwierigkeiten stossen würde, die ihm bei einem solchen Vorhaben in den Weg treten würden. Aber der Vater hatte sich geirrt!»

 

Bild 3: Das Wohnhaus Ulrich Ammanns liegt am Südhang der Gemeinde Unterwasser im Gebiet Nesselhalden (Bleistiftzeichnung um 1831)

 

Während vierjähriger Arbeit erbaut der junge Ulrich Ammann eine Orgel nach dem Vorbild der Toggenburger Hausorgeln. Ammann erledigt alles in Eigenarbeit, bis hin zur Fertigung der Zinnpfeifen. Als Werkbank dient eine ausgehängte Stalltür. Die bis heute erhaltene Orgel mit 7teiligem Prospekt, vier Registern (ursprünglich 4½ Register) und einem Tonumfang von 4 Oktaven besitzt folgende Disposition: Prinzipal 2‘ (Prospekt), Oktav 1‘, Flöte 4‘, Koppel 8‘.

«Weil er aber nach der Eltern Willen für die Haus– und Alpwirtschaft bestimmt war, so konnte er nur die Abende und die wenigen Nebenstunden, die ihm gestattet wurden, auf seine Lieblingsbeschäftigung verwenden und musste nebenbei seine Talente an der Verfertigung und Ausbesserung hölzerner Uhren, Spinnräder, Hobel, Schaufeln, Rechen und anderem niederen Schnitzwerk verschwenden.»

Bild 4: Mit seinem „Jugendstreich“ ging Ueli als Orgelbauer in die Geschichte ein, obwohl er später in erster Linie Blasinstrumente verfertigte.

 

Ulrich Ammann erlangt durch den Bau dieser Orgel innert Kürze eine Bekanntheit weit über das Toggenburg hinaus. Unter anderem weckt er das Interesse einiger Klostergeistlichen aus Neu St. Johann, welche Ueli bald zur Reparatur eines Fagotts ins Kloster rufen. Im Austausch mit Musikliebhabern und durch Studium verfügbarer Schriften im Kloster erwirbt sich Ulrich Ammann weitere Kenntnisse über den Instrumentenbau.

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Förderung durch Jakob Straub


Ueli’s Ruf dringt auch nach  Gallen zu Kaufmann Straub-Huber (1733-1806). Dieser befiehlt Ulrich Ammann zu sich und übergibt ihm - gewissermassen als Prüfstück - ein Fagott zur Reparatur. Ammann bringt bald darauf das reparierte Fagott wieder nach St. Gallen. Straub ist vom Resultat und von den Fähigkeiten des jungen Autodidakten überzeugt, er beauftragt ihn mit dem Bau eines weiteren Fagotts und nimmt von nun an die Rolle seines ideellen und finanziellen Förderers ein.

 

Bild 5: Kaufmann Jakob Straub (Ölgemälde, 1784)

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Der erfinderische Kopf

In der folgenden Zeit baut Ulrich Ammann verschiedene weitere Blasinstrumente wie Klarinetten, Fagotte und Querflöten. Er befasst sich eingehend mit der Entwicklung der Tasteninstrumente und experimentiert mit den Möglichkeiten der Tonerzeugung mittels schwingender Glaskörper.

Weitere Bau- und Erfindertätigkeit:

1792   Klarinette mit auswechselbaren Mittelstücken (B, H und C)
1794   Fagott mit Klarinettenmundstück (Klarinetten–Fa­gott)
1796   Darmsaiten–Klavier
1798   Daumenflöte (Schnabelflöte, flûte à bas)
1799   Klavierinstrument mit Glasstäben (Euphon)

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Meister der Spazierstockinstrumente

Am bekanntesten wird Ulrich Ammann durch seine kunstvoll geschnitzten Spazierstockinstrumente, deren Entstehung wohl kurz vor der Zeit der Französischen Revolution beginnt. Beim Durchmarsch der Franzosen 1798 besuchen napoleonische Offiziere den Künstler in seiner Alphütte. Auf diese Weise gelangen die klingenden Spazierstöcke und mit ihnen der Name des Erbauers in die benachbarten Länder und zum Teil bis nach Amerika.

«Bei der englischen Einnahme von Malta wanderte auch ein solcher Spazierstock an der Hand eines englischen Offiziers mit auf diese Insel. Einer seiner Landsleute richtete sein Augenmerk darauf und wünschte ihn zu kaufen, weil ihm diese neue Erfindung ungemein wohl gefiel… Unvermerkt lehnte sich der Besitzer etwas derb auf seinen Knotenstock, als plötzlich neben der Zwinge eine Wasserspritze sich erhob, die sich wie eine Gartenfontaine ausnahm und dem Engländer mit neuer Lust erfüllte, den künstlichen Stock zu kaufen. Danach der Besitzer den Knopf oben am Stock abschraubte, jenem ein schönes Handperspektiv zeigte und in einem runden kleinen Behälter einen ganzen Ap­parat zum Tabakrauchen auslegte, so besann sich nun der Engländer nicht länger, die verlangten 16 Louis d’Or mit Freuden auszuzahlen.»

Bild 6: Der abgebildete Stock kann als Klarinette und als Querflöte gespielt werden.

 

Bild 7: Im Knob der Stockflöte/-klarinette verbirgt sich ein Spektiv (Teleskop).

 

Ammanns Blasinstrumente zeichnen sich durch eine sehr eigensinnige Formgebung aus. An seinen Stockinstrumenten imitiert der Künstler Astformen, die dem natürlichen Buchsbaum verblüffend ähnlich sind: Ästchen, Knorpel und Harzlöcher. Dellen dienen gleichzeitig als Daumenstützen und begünstigen damit die angenehme Haltung des Instruments. Damit gelingt es Ammann, Ästhetik mit Funktionalität zu vereinen.

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Studium in Augsburg

Gegen den Willen seiner Mutter reist Ammann im Herbst 1805 nach Deutschland und besucht während 3 Jahren als Gasthörer Vorlesungen in Mathematik und Physik am St. Anna Gymnasium in Augsburg. Neben seinen Studien arbeitet Ammann in seinem Atelier im nahen Göggingen.

Nach Ammanns Rückkehr in seine Heimat folgen:

1810   Verbesserung des Querpianoforte
1817   Zweimanualiges Kombinationsinstrument (Klavier/Glasharmonika)
1818   Piano-Forte-Harfe (wohl unvollendet)
1822   Klavier mit zwei Resonanzböden und doppeltem Saitenbezug
1832   mathematisches Mess­in­strument mit einem Proportionalzirkel
1838   Orgel–Harmonika (Physharmonika)

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Politik und letzte Lebensjahre


Ammanns Mutter stirbt 1820 im Alter von 84 Jahren.
Um einer allfälligen Wahl als Gemeindeammann zu entrinnen, entschliesst sich Ueli 1821, nach Krummenau zu ziehen. Er wohnt zuerst bei Pfarrer Johannes Knaus und später bei Johann Jakob Klauser-Brändli, Schreiner im Hof.

Bild 8: Uelis Mutter, Margaretha Ammann-Steiner (1735-1820). Aquarell 1808.

 

1830 wird Ulrich Ammann in den Verfassungsrat des Kantons St. Gallen gewählt. Während der Zeit in Krummenau nimmt er sich auch dem Sohn seines Hausbesitzers, Johann Jakob Klauser-Mettler an. Dieser erbt später Ammanns gesamten Nachlass, der noch von seinen Kindern gehütet wird. Nach dem Verkauf des Hauses 1863 wird der schriftliche Nachlass teilweise verbrannt und viele der Instrumente werden veräussert.

1840 zieht Ulrich Ammann nach Nesslau in das neu erworbene Haus bei der Wasserbrugg (heute Landi beim Bahnhofplatz) und verbringt dort seine letzten Lebenstage.

«In seinem Alter glaubte Ammann zwei Dinge aus seinem Leben bedauern zu wollen, nämlich dass er in seiner Jugend nicht einen bessern Schulunterricht habe geniessen können und dass er im Jünglings- und frühern Mannesalter über dem Pfeifenmachen das Heirathen vergessen habe.»

Bild 9: Ammanns Wohn- und Sterbehaus in Nesslau

 

Ulrich Ammann vermacht testamentarisch 900 Gulden für den Bau eines neuen Schulhauses in Unterwasser sowie 100 Gulden als Unterstützungsleistung  für die Realschule Nesslau, welche 1859 eröffnet wird.

«Ammanns musikalische Instrumente waren keine nachgemachten fabrikmässigen Gebilde, es waren Kinder der Begeisterung für die Tonkunst, in ihm ge­zeugt und geboren, Originalwerke nach Geist, Seele und Leib. Diese Begeisterung war es, welche sein vielseitiges schöpferisches Kunsttalent gerade auf die Production von Werkzeugen der Tonkunst heftete, sie hierfür belebte, erregte und immerdar befruchtete.»

 

Bild 10: Ulrich Ammann im hohen Alter. Aquarell unsigniert.

 

 

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Verwendete Quellen:

Franz, Johann Friedrich: Zwinglis Geburtsort. Beytrag zur reform. Jubelfeyer 1819. St. Gallen 1819.

Franz, Johann Friedrich: Ulrich Ammann, in: Interessante Züge aus dem Jugendleben berühmter Künstler, Gelehrten, Kraftgenies und anderer merkwürdiger Personen. Aarau 1827.

Franz, Johann Friedrich: Biografische Skizze von Ulrich Ammann (Manuskript). 1850

Franz, Johann Friedrich: Lebensgeschichte eines interessanten Mannes. Ulrich Ammann von Alt St. Johann,
in: Neuer St. Galler Kalender 1856. St. Gallen 1855

Widmer, Otmar: Ulrich Ammann. Ein Toggenburger Musikinstrumentenmacher von Alt St. Johann, 1766– 1842,
in: Toggenburger Kalender 1941. Bazenheid 1940.